8 Maßstäbe zur Übersetzung

Hängt die Entscheidung für eine wörtliche Übersetzung von unserem Sprachgebrauch ab?

„Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, und der ist Jesus Christus“ (1. Kor. 3:11).

Die Wörter und Worte unserer Sprache stellen wie in anderen Sprachen eine in vielen Tei­len ungeordnete und unlogische, d.h. den Wortsinn nicht beachtende Ausdrucksweise dar. Un­sere Sprache ist nicht nur eine Abweichung von der Ursprache, d.h. sie ist nicht nur babylonisch, sondern auch vielfach durcheinander geworfen, d.h. ihr Charakter ist diabolisch (Satan, Diabolos: wörtl. Durcheinanderwerfer). Das gottgegei­stete Wort des hebräischen und hellenischen Grundtextes unterscheidet sich hier wesentlich. Es gibt in diesem Wort nichts, was unwahr oder unwirksam wäre, sondern

»Alle Schrift ist gottgehaucht (2. Tim. 3:16)«

und ist damit von der Ausdrucksweise dieser Welt grundsätzlich zu unterscheiden.

Wer überzeugt wurde, dass die uns persönlich ansprechenden Worte Jahwes rein sind, dass sie Ausgeschmolzenes, also Schlackenfreies darstellen und siebenfach gefiltert sind (Psalm 12:7), wird nicht wagen, diesem Wort die Mängel unseres Sprachgebrauchs zu unterstellen und sich deshalb für eine freie Übersetzung entscheiden.

Hat der Inhalt oder die Form bei der Übersetzung den Vorrang?

„Reinige zuerst das Innere des Bechers und Tellers, dass auch das Äußere derselben rein werde“ (Mat. 23:26).

Es ist nicht zu bestreiten, dass beim Übersetzen der Inhalt wichtiger ist als die Form. Diese Regel wird hauptsächlich bei fehlender Übereinstimmung der Grammatik des Grundtextes mit der des Deutschen zu berücksichtigen sein. Jedoch sollte man hierbei äußerste Vorsicht walten lassen. In solchen Fällen ist ausschlaggebend, ob aus dem biblischen Gebrauch eine Grammatikregel ableitbar ist oder nicht.

Auch muss die Form weichen, wenn im Deutschen der Inhalt ohne dass er dies im Grundtext wäre, missverständlich wird. Bei Aufgabe der Form ist aber stets ein strenger Maßstab anzu­legen, denn es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass mit der Form zumindest ein Teil des Inhalts verloren geht. Wer das Innere des uns tränkenden Wortes, d.h. seinen Begriffsinhalt, hütet, wird in der Übersetzung auch zu einer äußerlich klare Konturen erkennen lassenden Form kommen. Sogenannte dynamische Gleichwertigkeit der Übersetzung bestimmter Abschnitte in Gottes Wort ist in der Regel abzulehnen, da hierbei stets geistgefüllte Worte, damit aber nicht nur Denkbrücken, sondern meist auch die Klarheit der Begriffsinhalte, beseitigt werden. Da Begriffsinhalte sich nur durch den Gebrauch des jeweiligen Wortes an den es enthaltenden Textstellen ermitteln lassen (wobei der außerbiblische Sprachgebrauch auch Hinweise geben kann), ist die unterschiedliche Wiedergabe eines Grundtextwortes in verschiedenen Textstellen zu vermeiden.

Die Annahme, dass Gott Wortspiele benützt, ohne dabei ein Wortziel zu haben, ist kühn und lässt die Furcht, die auch beim Übersetzen der Weisheit Anfang ist, vermissen.

Was ist bei der Begriffswahl zu beachten?

„Habe ein Muster gesunder Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus sind“ (2. Tim 1:13).

Wenn man beim Übersetzen biblischen Textes in erster Linie Genauigkeit der Wiedergabe an­strebt, wird man, falls irgend möglich, eine konkordante Wortwiedergabe wählen. Lexika, die zu jedem Grundtextwort eine Fülle von Synonymen aufweisen, sind also für eine genaue Überset­zung unbrauchbar. Eine große Hilfe für die Begriffsbestimmung eines Grundtextwortes bilden nicht nur sämtliche biblischen Textstellen, in denen dieses Wort erscheint, sondern auch noch die Textstellen der Wörter, die zur gleichen Wortfamilie gehören.

Wenn auch eine völlige Deckungsgleichheit zwischen den Begriffsinhalten der Wörter des Grundtextes und den Begriffsinhalten der dafür gewählten deutschen Wörter nur selten gegeben ist, so wird durch Einführung von Überschneidungen das Übel nur noch vergrößert. Unterschied­liche Wörter des Grundtextes sollten möglichst nicht überschnitten, d.h. nicht mit dem gleichen deutschen Wort wiedergegeben werden. Falls Grundtextwörter mit mehr als einem deutschen Wort wieder­gegeben wurden, ist dies durch eine Anmerkung oder durch Verweis auf Begriffserklärungen anzueigen, wenn das zweitrangige Wort im Text erscheint.

WeIcher Sprache ist die Übersetzung anzupassen?

Infolge eurer Bewährtheit bei dieser Dienstleistung werden sie Gott verherrlichen, im Blick auf eure Unterordnung im Bekenntnis (wörtlich: Gleichworten) zum Evangelium des Christus.“, (2. Kor. 9:13).

Bei der Übersetzung erhebt sich für viele noch die Frage, ob man das Wort Gottes mehr der Sprache, in die übersetzt wird, anpassen soll oder ob man diese Sprache so weit wie möglich dem Wort Gottes anzupassen hat.

Unser Herr sprach nicht wie die Schriftgelehrten. Er hat sich also ihrer Sprache nicht angepasst. Wir haben nicht „dem Volk aufs Maul zu schauen“ (wie Luther gesagt haben soll), sondern wir haben zu beachten, was Gottes Mund geredet hat, auch wenn es uns wenig mundgerecht ist. Es wäre Gott jedenfalls möglich gewesen, ein Zeitungshebräisch zu schreiben, das man in ein Zeitungsdeutsch übertragen könnte, wenn Er dies gewollt hätte. Die Tatsache, dass Er nicht im Zeitungsstil schrieb auch nicht im flüssigen Romanstil sollte uns daran hindern, Sein Wort in die uns wunschgemäßen Formen zu pressen und ihm durch Glättung den Anstoß zu nehmen, wo es Anstoß ist.

Sicher ist das hier Gesagte nicht für jede Übersetzung die richtige Aufgabenstellung. Gott erwartet aber, dass wir Sein Wort erfassen, Sein Wort, wie Er es uns gab und nicht, wie wir es uns zurechtmachen. Der Begriff »Bekenntnis«, der im Hellenischen mit hOMOLOGI‘A wiedergegeben wird und wörtlich »Gleich­worten« bedeutet, zeigt, dass es darum geht, die gleichen, d.h. von dem Wort der Wahrheit nicht abweichenden Worte zu gebrauchen. In 2. Kor 9:13 steht von der Verherrlichung Gottes »aufgrund der Unterordnung des Gleichwortens«. Es ist also eindeutig, wer sich unterordnend an das Wort anzupassen hat, das uns in Sein Bild prägen will, damit durch uns nicht unser Wort, sondern Sein Wort gelesen werden kann.

Mit dem Vorgesagten soll keineswegs jede freie Übersetzung herabgewürdigt werden. Es gibt hier durchaus auch anzustrebende Ergebnisse, die das ungeübte Denkvermögen, die schwache oder fehlende Anpassungsfähigkeit (aus Alters-, Zeit- und anderen Gründen) berücksichtigen. Letztes Ziel ist aber immer die Grundtextnähe, ja wo möglich der Grundtext selber.

Geht es bei der Übersetzung um Verständlichkeit oder um „gegeistetes“ Verständnis?

„Deshalb hören wir auch nicht auf, von dem Tage an, da wir das hörten, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis Seines Willens in aller geistlichen Weisheit und allem geistlichen Verständnis erfüllt werdet“ (Kol. 1:9).

Eine der großen Aufgaben, aber auch eine der großen Gefahren, bildet für den Übersetzer die „Verständlichkeit“ der Übersetzung. Hier besteht die Möglichkeit, eigene Vorstellungen in die biblischen Texte hineinzutragen. Es kommt ja nicht darauf an, was wir unter einem Wort bzw. einer biblischen Aussage verstehen, sondern darauf, was Gott hier verständlich machen will. Verständlichkeit ist noch kein Maßstab. Es ist für jemand, der Deutsch und etwas Denken gelernt hat, nicht schwer, einen unverständlichen Satz verständlich zu machen. Es ist aber hierbei nicht auszuschließen, dass er falsch verstanden hat und aus diesem falschen Verstehen auch das Übersetzte zur Irreführung geworden ist.

Wie bereits erwähnt, lassen sich grammatische Eigenheiten des Hellenischen in vielen Fällen nicht übertragen, ja können bei wörtlicher Übertragung irreführen. Auch gibt es bei der Wahl eines grundtextgetreuen Wortes Grenzen, wenn dieses durch die diabolische Sprachverwirrung in der Sprache, in die übersetzt wird, bereits einen missverständlichen Sinn hat, also irreführen würde. Hieraus sind aber keine allgemein gültigen Übersetzungsregeln abzuleiten. Maßstab bleibt der biblische Gebrauch, sowohl für die Beurteilung der grammatischen Eigenheiten als auch für die Festlegung der Wortwiedergabe. Vertraute Wörter sind zwar äußerlich leichter ver­ständlich; wenn sich aber ihr Inhalt mit dem biblischen Wort, für das sie stehen, nicht deckt, kann durch sie ein biblisches Verstehen unmöglich gemacht sein. Es ist also zwischen scheinbarem und biblischem Verstehen zu unterscheiden.

Es ist keineswegs ein Kriterium für eine gute Übersetzung, wenn sie leicht eingeht und ohne „Verdauungsbeschwerden“ übernom­men werden kann. Verständlichkeit ist also kein brauchbarer Maßstab für die Bewertung einer Übersetzung.

Für das biblische Verständnis bleibt nur die Möglichkeit, Begriffe und grammatische Eigenheiten vor allem aus dem biblischen Bereich zu bestimmen. Die Beachtung der Wortfamilien und Vermeidung eines gemeinsamen deutschen Wortstammes für Wörter unterschiedlicher Stämme im Grundtext ist hierbei unerlässlich. Wer behauptet, dass man, um den Inhalt zu retten, vom äußeren Text abweichen muss, sollte das anhand mehrerer biblischer Beispiele begründen; andernfalls kann man diese Aussage nur als eine Meinung werten, die zweifelhaft ist.

Die Erklärung, dass der damalige Leser das verstanden hat, was der Übersetzer als Überset­ung festlegte, ist kein Beweis. Beweise sind allein durch Schriftzusammenhänge (Kontext und biblische Definitionen) und etymologische Herleitungen von klar bestimmbaren biblischen Wör­tern zu führen. Wer sich für das Verständnis auf den heiligen Geist beruft (ohne dies aus Be­quemlichkeit und Ausflucht zu tun), wird Gottes Wort das gemäß 1. Thess. 2:13 nicht als Wort von Menschen zu nehmen ist um so sorgfältiger beachten.

Die Tradition (Gewohnheit) ist der Wahrheit zu opfern

„Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mat. 7:29)

Auch im Bereich von Gottes Wort gibt es nur wenige schwerer zu überwindende Hindernisse als die Tradition. Tradition kann gut, ja auch ein gewisser Schutz sein; wo sie aber nicht der Wahr­heit entspricht, sollte sie fallen. Wer sich der Aufgabe des Prüfens (1. Thess. 5:21) nicht entzieht, wird auf die Dauer nicht im Dunkeln bleiben, sondern die Wahrheit erkennen. Die Wahrheit aber ver­pflichtet zur Aufnahme; wo man sie ablehnt, weil sie nicht der Tradition entspricht oder weil man sie nicht gewöhnt ist, hat man sie verleugnet und wird sie eines Tages verlieren. Manche Wahr­heit nehmen wir nicht auf, weil wir nicht danach verlangen, indem uns die Tradition genügt, ja wertvoller ist. Wer wachsen will, muss zumindest über die Tradition hinausgehen. Wo wäre die Luther-Übersetzung geblieben, wenn man sie mit der Begründung, dass Gott 1600 Jahre Seine Kinder auch ohne sie zum Ziele führte, abgelehnt hätte?

Liebe zur Wahrheit zeigt sich im Suchen der Wahrheit und im Aufnehmen der Wahrheit, wo sie erkannt ist. Wer überzeugt wurde (dies ist hier allerdings Voraussetzung), dass die von ihm bis­her verwendete Übersetzung (z.B. die von Luther, Menge, Bruns) ungenauer ist als eine andere Übersetzung (z.B. die DaBhaR, die Konkordante Übersetzung oder von Buber/Rosenzweig) und trotzdem, weil er es so gewöhnt ist, bei der ungenaueren Übersetzung bleibt, offenbart einen entsprechenden Mangel an Liebe zur Wahrheit.

Wo das bessere Wissen sich der Tradition beugt, ist die Wahrheit verdrängt worden. Hier liegt viel Verantwortung, die meist unterschätzt wird.

Die ansprechende Form eines Textes und die leichte Verständlichkeit sind nicht entscheidend

Was wir auch aussprechen, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern mit solchen, wie der Geist sie uns lehrt, indem wir geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten erklären (1 Kor. 2:13)“.

Ein schöner Satz ist ohne Wert, ja geistlich gesehen unschön, wenn er inhaltlich falsch ist. Wahrheit und Schönheit müssen sich gegenseitig nicht ausschließen; wo man jedoch zwischen ihnen wählen muss, sollte die Wahl nicht schwer fallen. Da wir vielfach nur das als schön und an­genehm empfinden, was den uns gewohnten Normen entspricht, liegt hier eine Gefahr, das Geistgeprägte und darum Andersartige abzulehnen. Unser Schönheitsempfinden Ist also kein brauchbarer Maßstab für die Bevorzugung eines Textes.

Ferner ist zu beachten, dass eine falsche, aber verständliche Übersetzung unverständlicher ist als eine richtige, aber unverständliche Übersetzung. Wo wir nicht verstehen, dürfen wir Gott um Verständnis bitten; wo wir aber infolge einer – auf Kosten der Genauigkeit – verständlich ge­machten Wiedergabe nur vermeintlich verstehen, sind wir irregeführt. So ist auch die leichte Ver­ständlichkeit noch kein Maßstab für die Bevorzugung eines Textes, sondern sein Wahrheitsge­halt.

Das Mitdenken, Nachdenken und Umdenken sollte geübt und nicht vernachlässigt werden

„Auch euch, die ihr in der Denkart und bösen Werken einst Fremde und Feinde gewesen seid, …“ (Kol. 1:21,22).

Als natürliche Menschen stuft Gottes Wort uns als Undenkende (Titus 3:3) und Unmitdenkende (Röm. 2:5) ein. Selbst aber solche, die Jesus annahmen (Gal 3:13), ja auch Gesetzeslehrer, werden als Undenkende bezeichnet. In Gottes Wort werden wir immer wieder zum Mitdenken, Nachden­ken und Umdenken aufgefordert. Das häufig mit »Buße tun« übersetzte hellenische Wort MATA­NOA‘Oo hat mit Buße und Reue wenig gemein. NOA‘Oo bedeutet »denken« und MATA‘ lässt sich durch »mit«, »nach« und »um« (im Sinne von Wendung) wiedergeben. Das wi­derspricht dem Zeitgeist, der uns zur Oberflächlichkeit erzieht. Was nicht glatt eingeht, wird meist abgelehnt. Wenn wir überzeugt sind, eine dem Grundtext nahekommende Übersetzung zu haben, sollten wir uns, wo sie schwer verständlich ist, zum Denken anregen lassen und als Lieb­haber (das hat mit »Liebe haben« zu tun) des Wortes Gottes die Mühe des Sich-Einlesens und -Hineindenkens nicht scheuen.

Um Denkbrücken zu bauen, setzt Gott in Seinem Wort oft Ausdrücke zusammen, die in unse­rem Sprachgebrauch nicht zusammenzupassen scheinen. Er spricht z.B. von einem »zweimün­digen Schwert« und stellt damit die Beziehung zu Seinem Worte her, das in Hebräisch und HeI­lenisch zu uns spricht. Wo man frei mit »zweischneidig« übersetzt, ist zwar ein sprachlicher Stol­perstein beseitigt, aber auch ein Denkkanal entfernt. Wortmalerei ist bei Gott keine Wortspielerei; das scheinbare Wortspiel ist stets Wortziel. Got­tes Wortsetzungen sind immer ernst zu nehmen. Es gibt keine bessere Denkschule als das Wort Gottes. Gottes LO‘GOS ist Grundlage jeder Bestand habenden Logik. In einer (bis zur Verbildli­chung) immer mehr zur Oberflächlichkeit und Äußerlichkeit übergehenden Menschheit ist es eine ernst zu nehmende Aufgabe, sich von Gottes Wort zum Denken, Mitdenken, ja Durchdenken führen zu lassen. Wir dürfen und sollten Gott nicht nur in dem ganzen Herzen und der ganzen Seele, sondern, wie Mat. 22:37 geschrieben steht, auch »in dem ganzen Durchdenken« lieben.

Entnommen aus den Bemerkungen zu „Die Geschriebene“ (B12), F. H. Baader; die Bibelstellen entstammen dem KNT.

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