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Antwort auf die Kritik an der DaBhaR-Übersetzung von Dr. von Siebenthal

Im Folgenden wird beispielhaft für kritische Einwände eine  Stellungnahme von Dr. Heinrich von Siebenthal kommentiert. Er hat sich speziell mit der konkordanten Übersetzung nach Baader (DaBhar) beschäftigt. Dr. von Siebenthal ist  Dozent an der staatlich nicht anerkannten Freien Theologischen Akademie (FTA) Gießen, die u.a. die Höllenlehre vertritt.  Sein vollständiger Text findet sich hier. Zitate aus diesem Text sind in grauer Schrift wiederholt:

„[…] Die Zielsetzung der Baaderschen Übersetzung ist sicher zu begrüßen: Der Wortlaut der Heiligen Schrift als des unfehlbaren Gotteswortes soll möglichst genau erfaßt und vermittelt werden. Bewundernswert ist auch der enorme zeitliche und finanzielle Aufwand, der offensichtlich in die Erreichung dieses Zieles investiert worden ist und noch investiert wird. Dennoch ist dieses Werk aus sprach- bzw. übersetzungswissenschaftlicher Sicht eindeutig als negativ zu beurteilen. Baaders Programm muß als Irrweg, seine Übersetzung als nahezu wertlos, ja in einer gewissen Weise auch als theologisch gefährlich bezeichnet werden.“

Hier verwendet von Siebenthal den kleinen rhetorischen Trick, Bewunderung für eine Position vorzugeben, die man mit der nächsten Bemerkung sogleich umso schonungsloser verdammen darf. Von Siebenthal stellt das Urteil in demagogischer Form („theologisch gefährlich, wertlos“) vorweg, um dem Leser gar nicht mehr die Möglichkeit zu geben, objektiv zu urteilen. Eine sachliche Auseinandersetzung ist jetzt schon nicht mehr zu erwarten. Ein Wissenschaftler, der in erster Linie informieren möchte, hätte dagegen zuerst die Fakten und Sichtweisen gegenüber gestellt, zum eigenen Urteilen angeregt und hätte dann erst dann ein eigenes Fazit präsentiert.

„Eine Übersetzung irgendeines Textes von einer Sprache in eine andere darf dann als wirklich gelungen bezeichnet werden, wenn sie genau die Inhalte (nicht mehr und nicht weniger) vermittelt, die der Verfasser des Originals kommunizieren wollte (Erfordernis der Originaltreue), und zwar in einer Weise, die für den Sprecher der Zielsprache (sprachlich) mindestens so gut verständlich ist, wie es das Original für den Sprecher der Ausgangssprache war (Erfordernis der Verständlichkeit/Natürlichkeit). Nun lassen sich zwar im Prinzip in jeder Sprache alle denkbaren Inhalte ausdrücken, so daß bei jeder Übersetzung Originaltreue im Prinzip (!) realisierbar ist. Mehr oder weniger große Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen gibt es hingegen im Bereich der Ausdrucksmittel, der Formen, die beim Vermitteln der Inhalte eingesetzt werden (Laute; Anzahl, Art, Form und Stellung der verwendeten Wörter; der Bau der einzelnen Sätze und die Art, wie diese zu Abschnitten und ganzen Texten verknüpft werden). Soll die Übersetzung bei aller Originaltreue auch verständlich sein, so geht es ohne mehr oder weniger drastische Veränderungen der formalen Struktur des Textes nicht ab. Selbstverständlich wird ein verantwortungsbewußter Übersetzer die Form des Originals nicht willkürlich verändern.“

Genau diese willkürlichen und bewußten Veränderungen sind aber passiert, wie ja diese Seiten an anderer Stelle deutlich aufzeigen. Die Kritik an herkömmliche Übersetzungen bezieht sich nicht auf die freiere Form, sondern darauf, dass die Inhalte bewiesenermaßen in herkömmlichen Bibelübersetzungen an eigene Vorstellungen angepasst wurden (woran man erkennen kann, dass Form- und Inhaltstreue zusammenhängen). Genau deswegen wurde ja auch die konkordante Methode entwickelt. Von Siebenthal hätte nur dann Recht, wenn es Menschen geben würde, die Gottes Gedanken in der Gesamtheit kennen würden und denen bei der Interpretation des Originals keine Fehler passieren könnten. Dies ist aber keinem lebendem Menschen gegeben. Deswegen ist der freie Ansatz der Übersetzung im Fall der Bibel ein Irrweg. Die Richtigkeit des in einer anderen Sprache wiedergegebenen Inhalts hängt bei herkömmlichen Übersetzungen davon ab, ob der Übersetzer den Inhalt des Originals richtig erkannt hat, bzw. richtig erkennen konnte. Eine frei übersetzte Bibel ist immer eine Auslegung, die, da es eben eine menschlich fehlerbehaftete Meinungsäußerung ist, völlig falsch sein kann. Die konkordante Übersetzungstechnik dämmt diese Fehlerquelle ganz wesentlich ein. Von Siebenthal behandelt hier also gar nicht das Problem und müht sich gar nicht darum, die Intention zu verstehen und zu behandeln, die zur konkordanten Übersetzungstechnik geführt hat. Im Übrigen hat auch nicht Baader diese Methode entwickelt, auch andere haben sie mit unterschiedlichem Ergebnis schon vor ihm angewendet. Möglicherweise wusste Dr. von Siebenthal dies nicht. Eine Trennung der Kritik an der Methode und an einer einzelnen Ausprägung hätte ebenfalls zur Versachlichung beigetragen.

„Beherrschende Prinzipien sind stets die Erfordernisse der Originaltreue und der Verständlichkeit. Je nach Zielgruppe kann dabei die Umstrukturierung auch unterschiedlich stark ausfallen. Z.B. wird sich eine Übersetzung (etwa des [altmesopotamischen] Gilgamesch-Epos, der [altgriechischen] homerischen Epen oder der Werke eines Dante, Shakespeare oder Molière), die den Bedürfnissen eines Literaturwissenschaftlers gerecht werden möchte, zweifellos stärker an die Form des Originals anlehnen als eine, die für Nichtspezialisten bestimmt ist.“

Die gesamte Ausarbeitung von Dr. von Siebenthal krankt an der Prämisse, dass die Bibel genau so übersetzt werden müsse wie ein Roman, ein rein menschliches Werk mit oft ungenauem Sprachgebrauch. Die Bibel ist doch aber ein davon abweichendes Buch, das auch eine besondere Behandlung verdient. Zudem verkürzt von Siebenthal den konkordanten Übersetzungsansatz auf eine starke Formtreue. Bei konkordanten Übersetzungen geht es aber im Kern darum, gleiche Begriffe im Original nach Möglichkeit mit dem gleichen Begriff in der Zielsprache zu übersetzen, um die übliche Willkür einzuschränken. Es gibt konkordante Übersetzungen, die sich nicht so stark der Formtreue verpflichtet fühlen wie die DaBhar (z.B. das KNT) und wesentlich eingängiger zu lesen sind. Baader versucht dagegen ganz bewußt so formtreu zu übersetzen, dass von einer Kunstsprache geredet werden kann, an die man sich erst gewöhnen muss. Er steht aber auf dem Standpunkt, dass sich das lohnt. Sicherlich ist diese recht extreme Art der konkordanten Übersetzung auch nicht für Einsteiger im Glauben geeignet.

„Diese allgemeinen Übersetzungsgrundsätze gelten prinzipiell gleichermaßen auch für den Umgang mit der Bibel. Wer Bibeltexte übersetzen will, muß die formale Struktur des biblischen Grundtextes – im Interesse von Originaltreue und Verständlichkeit – genauso verändern, wie dies ein Übersetzer außerbiblischer Texte tut. Dies hängt u.a. damit zusammen, daß die Grundsprachen der Bibel, Hebräisch, Aramäisch und Griechisch, im Prinzip ganz normale menschliche Sprachen sind (sie wurden auch für profane Zwecke verwendet). Gott hat sie zwar gewissermaßen »erwählt« und sich ihrer bedient, um sich uns Menschen zu offenbaren. Doch dadurch wurde ihr Sprachcharakter nicht verändert; sie funktionierten grundsätzlich exakt wie jede andere Sprache und erfordern daher auch denselben methodischen Umgang.“

Was Dr. von Siebenthal hier als gegeben ansieht, ist nicht der Fall. Natürlich entstammen die Grundsprachen der Bibel in der Grammatik und Semantik menschlichen Sprachen, dennoch ist die Bibel nicht wie jedes andere Buch der Welt entstanden, sondern sie nimmt eine herausragende, einzigartige Position ein. Hier war Gott selbst am Werk, »Alle Schrift ist gottgehaucht (2. Tim. 3,16)«. Wer überzeugt wurde, dass die uns persönlich ansprechenden Worte Jahwes reine sind, dass sie „Ausgeschmolzenes“, also Schlackenfreies darstellen und siebenfach gefiltert sind (Psalm 12,7), wird nicht mehr davon ausgehen, dass die Sprache genau so verwendet wurde wie in jedem anderen Buch und die Methoden der Übersetzung die dort richtig sein mögen, es auch im Fall der Bibel sind und daher „allgemeine Übersetzungsgrundsätze“ auch hier ohne Weiteres angewendet werden müssen und andere nicht in Frage kommen.

Wer Baaders Übersetzung anhand des Originals oder auch anhand einer herkömmlichen Übersetzung durchgeht, wird bald merken, welchem grundsätzlichen Irrtum er verfallen ist: Er glaubt offenbar, Originaltreue sei nur durch möglichst große Formtreue gegeben. Um diese zu erreichen, setzt er eine extrem konkordante Übersetzungstechnik ein, die grundsätzlich jedes Wort des Originals durch ein einziges Wort der Zielsprache wiedergeben möchte. Da dies wegen der oben erwähnten vielfältigen Strukturunterschiede zwischen allen Einzelsprachen der Welt sowie der äußerst verbreiteten Mehrdeutigkeit sprachlicher Ausdrucksmittel auf allen Sprachebenen (Laut, Wort, Satz, Text) naturgemäß niemals gelingen kann, …“

Es ist eine reine Annahme, dass die Begriffe der Bibel so mehrdeutig sind, dass die konkordante Übersetzungsmethode keinen Sinn mehr macht. Das mag für weltliche Bücher der Fall sein. Baader und andere haben doch gezeigt, dass dem im Fall der Bibel nicht so ist. Die Beweise in Form der Übersetzungen liegt ja vor und objektive Fehler (damit sind nicht Widersprüche zu alten Kirchendogmen gemeint!) aufgrund dieser Übersetzungstechnik konnte Dr. von Siebenthal nicht präsentieren. Fehler in herkömmlichen Übersetzungen, die auch den Inhalt grob entstellen, sind aber zuhauf festzustellen. Richtig ist zwar, dass insbesondere die DaBhar-Übersetzung eine sehr rohe Übersetzung ist, die dem Leser viel Denkarbeit aufbürdet. Baader steht aber auf dem Standpunkt, dass ernsthaften Christen diese Denkarbeit über Gottes Wort mehr Gewinn beschert als eine eingängige, aber inhaltlich falsche Übersetzung.

„… versucht er dies dann aber dadurch zu erzwingen, daß er Grammatik und Wortschatz der Zielsprache, sprich in unserem Fall Deutsch, seinen Vorstellungen gemäß verändert. Ergebnis: formal ist er zwar in gewisser Weise ziemlich nahe beim Original geblieben – dies jedoch auf Kosten nicht nur der Verständlichkeit, sondern auch der Originaltreue im einzig legitimen Sinne von optimaler inhaltlicher Übereinstimmung zwischen Übersetzung und Original.“

Die Frage ist doch hier, wie beurteilt wird, was inhaltlich optimal übereinstimmt, also originalgetreu ist. Richtig ist (und nur das meint von Siebenthal), dass die Inhalte der traditionellen Übersetzungen mit einer objektiveren Übersetzungsmethode in Frage gestellt werden. Der wissenschaftliche Ansatz kann doch aber nicht sein, eine Übersetzungsmethode daran zu messen, ob das Ergebnis zu den Kirchendogmen passt, die zu den herkömmlichen Übersetzungen geführt haben. Ein derartiges Kriterium ist aus wissenschaftlicher Sicht untauglich und konnte nur zu dem Ergebnis führen, zu dem von Siebenthal kommen wollte.  Von Siebenthal schließt in seinen Annahmen schlicht und einfach aus, dass herkömmliche „theologische“ Theorien an der einen oder anderen Stelle nicht biblischen Ursprungs sind, was mit einem wissenschaftlichen Übersetzungsansatz nun ans Tageslicht kommt.

„Inhaltlich Verfälschendes läßt sich bei Baaders Ansatz auf verschiedenen Ebenen der Sprache feststellen:

Wortbedeutungsebene: Das Bemühen einerseits um konkordante Wiedergabe (s.o.) und andererseits um etymologische Genauigkeit verführt ihn dazu, nicht nur – wie erwähnt – völlig undeutsch zu übersetzen (z.B. »salbhütten« für »salben« in Ruth 3,3), sondern das Bedeutungsgepräge mancher Grundtextwörter durch inhaltliche Verkürzung (z.B. »äonisch« [lediglich einen »Äon« dauernd] statt [wie es sprachwissenschaftlich eindeutig ist] »ewig« z.B. in 2. Petrus 1,11 und Hebräer 6,2) „

Was von Siebenthal hier unter sprachwissenschaftlicher Eindeutigkeit verstanden wissen will, ist reine theologische Auslegung. Gerade die willkürliche und fallweise Auslegung des griechischen Wortes „aionion“ mit „ewig“ statt „äonisch“ verstellt doch den Inhalt des Textes. Das äonische Königreich in 2. Petrus 1,11 ist ebenso zeitlich begrenzt (es ist zukünftig und hat ein Ende), wie das äonische Urteil (während der gleichen Zeit) in Hebräer 6,2. Die Meinung, dass dort statt dem Begriff des Grundtextes einfach ein anderer verwendet werden könne, entspringt speziellen theologischen Vorstellungen. Es hat aber hat keineswegs irgendetwas mit „Sprachwissenschaft“ zu tun, wenn vorgefasste Meinungen das Kriterium für die Qualtität einer Übersetzung sind, wie von Siebenthal es hier darstellt. Anders gesagt: Man kann eine Übersetzung nicht daran messen, ob sie mit einem Dogmensystem übereinstimmt, das Maßstab für die freie Übersetzungen war, mit der verglichen wird.

„…oder Entstellung (z.B. das erwähnte »Herabwurf des Kosmos« von Epheser 1,4, das im deutschen eine negative Nuance [die des Zerstörens] bekommt) zu verändern.“

Richtig ist, dass der biblische Sprachgebrauch nicht immer den menschlichen Empfindungen entspricht. Das kann aber kein Kriterium für eine richtige Bibelübersetzung sein. Das gleiche „Herabwurf“ (Niederwurf) wird auch in Heb. 11,11 benutzt, als es um den Geburtsvorgang bei Sara geht (im Sinn von Niederkunft). Damit ist lediglich ein dynamischer Vorgang gemeint. Wir müssen unsere Vorstellungen dem biblischen Sprachgebrauch anpassen.

Wortformenebene: Hebräische Wortformen, die eindeutig einen Wunsch bzw. einen indirekten Befehl ausdrücken, übersetzt Baader als Gegenwart, offenbar weil sie äußerlich z.T. bestimmten Formen ähnlichen sehen, die häufig die Gegenwart bezeichnen (so steht in 1. Mose 1,3 »Es wird Licht« statt »Es werde Licht«).

Satzbauebene: Ein Beispiel für eine Entstellung (Ruth 2,10): »Weshalb ‚finde ich Gnade in deinen Augen mich zu kennen ‚… « statt »… daß du (!) mich kennst (= dich um mich kümmerst) …«.

Keine Übersetzung wird in jedem Detail Zustimmung von allen Fachleuten finden. Baader behauptet auch gar nicht, dass die DaBhar fehlerfrei ist. Es geht aber darum, dass aufgrund des konkordanten Übersetzungsprinzips nicht mehr willkürlich und angepasst an vorher festgelegte Dogmen „übersetzt“ werden kann.

„Diese Übersetzung verkürzt und entstellt auf Schritt und Tritt.“

 Nein, sie löst die Verkrustung von jahrhunderte alten historisch aus anderen Religionen, Kulten und Philosophien enstandenen, „theologisch“ verstellten Übersetzungen. Umgekehrt ist es also richtig: Sie rückt entstellte, traditionelle Bibelübersetzungen wieder zurecht und lässt den Text für sich wieder neu strahlen.

„Dies eine kleine Auswahl von fast endlos vielen Beispielen, die zeigen, daß diese Übersetzung weder originalgetreu (sie verkürzt und entstellt auf Schritt und Tritt) noch verständlich ist (sie benutzt eine vom Übersetzer selbst erschaffene Kunstsprache). Theologisch in einem gewissen Sinne gefährlich ist sie insofern, als sie immer wieder im Grundtext eindeutige Aussagen durch die verkürzende Behandlung mancher Wort- und Satzinhalte mehrdeutig bzw. vage macht (z.B. das »ewige« wird zu einem »äonischen« [zeitlich begrenzten] Gericht) …“

Mit dieser Aussage entlarvt sich von Siebenthal geradezu. Gerade die übliche „Übersetzungstechnik“ lässt doch Begriffe mehrdeutig und vage werden. Luther übersetzte „aion“ 37mal mit „Welt“. 75mal benutzte er „Ewigkeit“/“ewig“/“ewiglich“, jeweils 1mal „Lauf“, „vorzeiten“ und „Zeit“. Das ist doch vage und mehrdeutig! Diese von der Religion gewollte Mehrdeutigkeit (die sogar dann in Wörterbüchern dokumentiert wurde), schafft nun die Möglichkeit, den Grundtext so zu deuten, wie es dem Übersetzer gerade gefällt. So werden äonische Gerichte Gottes kurzerhand zu einer unaufhörichen, sinnlosen Quälerei eines unbarmherzigen Gottes umgedeutet, statt zumindest auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass hier aufgrund der selbst erfundenen Mehrdeutigkeit ebenso gut ein zeitlich begrenztes Ausrichten auf Gott gemeint sein könnte. Verschwiegen wird auch, dass nur das auch in den Kontext der Bibel paßt, der von Gerichten gemäß der Werke spricht (Mt. 16,27; Rö. 2,6; 2. Tim. 4,14; Of. 20,12 usw.). Ein unendlich langes Quälen wäre dagegen nicht verhältnismäßig. Somit steht die Irrlehre der „ewigen“ Verdammnis auf den tönernen Füßen einer äußerst fragwürdigen, willkürlichen Bibelauslegung, die unter dem Deckmantel „Bibelübersetzung“ unter die Menschen gebracht wird.

Was von Siebenthal nicht gefällt, sind die Aussagen, die eine gute Übersetzung macht. Sie gefallen ihm theologisch nicht und müssen daher seiner Meinung nach falsch sein. Wissenschaftlich hat Herr von Siebenthal hier nicht gearbeitet.

Der einzige Weg der Bibelübersetzung kann nur sein, sich von vorgefassten Kirchendogmen und der vielen Einflüssen unterliegenden, oft nicht mehr logischen Entwicklung einer Sprache frei zu machen. Der Begriffsinhalt eines Grundtextwortes muss in der Bibel selbst gesucht werden. Dies ist sogar eine Forderung der Reformation: Luther fasste dies mit „sola scripura“ zusammen: Die Bibel soll sich selbst auslegen! Die konkordanten Übersetzungen machen sich dieses Prinzip zu eigen und führen es konsequent weiter. Möglicherweise hätte Luther an einer konkordanten Übersetzung seine Freue gehabt. Die Prämisse, die zu dieser wirklich wissenschaftlichen Übersetzungtechnik geführt hat, lautet: Die Verwendung von Sprache in der Bibel ist wesentlich exakter und logischer als im Alltag. Das Sammelsurium von Entsprechungen in Wörterbüchern, die auch nur für einen bestimmten Zeitpunkt aktuell sind, kann daher kein Maßstab sein. Der Begriffsinhalt eines Grundtextwortes kann dann erst als gefunden und biblisch legitimiert gelten, wenn die deutsche Übersetzung an allen Stellen in die Logik des jeweiligen Satzes des Grundtextes paßt. Zweite Bedingung ist, dass die deutsche Übersetzung des Wortes nicht bereits für ein anderes Grundtextwort (mit anderer Wortwurzel) verwendet ist.

„ […] und damit eigenwilligen (fremde Inhalte in den Text hineinlegenden) Deutungen Tür und Tor öffnet, gleichzeitig aber beansprucht, den Leser auf diese Weise am nächsten an das Original heranzuführen.“

Diese Antwort auf die Streitschrift von Herrn von Siebenthal sollte belegt haben, dass gerade mit der freien Übersetzungstechnik fremde Inhalte in die Bibel problemlos hinein gelegt werden konnten und hineingelegt wurden. Welche Übersetzungsmethode bietet mehr Interpretationsspielraum, eine konkordante oder eine freie Übersetzung? Eigenwillige Deutungen werden doch gerade durch die herkömmliche Übersetzung ermöglicht, die eine mehr oder weniger starke subjektive Auslegung ist. Es ist also objektiv und wissenschaftlich gesehen genau anders herum, als es von Siebenthal darstellen möchte.

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Was bedeutet Heiligkeit?

Der Begriff „Heiligkeit“ im Alltag

Wenn man hört: „Du trägst auch schon einen kleinen Heiligenschein!“ oder „Er meint wohl, dass er ein Heiliger ist.“ dann ist das vor allem spöttisch gemeint.

Was bedeutet „Heilig“ eigentlich in der deutschen Sprache? Es stammt von „heil“ ab, im Sinne von „ganz“ (Heilung, heil machen). Im Englischen (holy) ist es ähnlich. Dort stammt es vom Wort „whole“ ab (ganz).

Heilig deutet also in der deutschen Sprache auf Vollkommenheit hin.

Nach der Lehre der der katholischen Kirche kann man erst mit dem Tod vollkommen sein, da man sich erst dann mit Gott vereinigt. Von einer Person, die sich bemüht hat, diese Vereinigung schon auf Erden zu verwirklichen, sagt man, sie habe ein heiligmäßiges Leben geführt. Der Nachweis der heroischer Tugenden ist übliche Voraussetzung. Zunächst steht aber die Seligsprechung an, bevor die Heiligsprechung vollzogen werden kann. Heiligung ist also in der katholischen Kirche ein rein bürokratischer Akt.

Was sagt die Bibel dazu?

Etwas ganz anderes!

Die griechische Entsprechung für “Heilig” lautet “hagios”. Die Kernbedeutung ist „andersartig“. Mit Vollkommenheit hat der Begriff nichts zu tun. Die hebräische Entsprechung ist „quadasch“, was „abgesondert“ bedeutet.

Das zweite, dritte und vierte Buch Mose sind die Bücher, die mehr als andere genau darstellen, was Heiligkeit bedeutet, weil Gott über die Erlösung und Heiligung eines Volkes berichtet. Er lehrt seinem Volk und auch uns jetzt die Grundregeln der Heiligkeit.

Das erste Beispiel ist die Heiligung aller männlichen Erstgeburt von Mensch und von Tieren. »Heilige Mir die Erstgeburt«, heißt es, denn »sie ist Mein«, und »du sollst für Jehova absondern alles, was den Mutterleib auftut, und jeder Erstling, den du hast, der von einem Vieh kommt, die männlichen, sie sollen Jehova zu eigen sein« (2.Mose 13,2; 4.Mose 18,15; Lukas 2,23). Alles ist heilig, was Gott für Sich fordert, und Er fordert den Menschen und seinen Besitz, weil Er ihn erlöst hat. Israel wurde abgesondert »aus allen Völkern«, um »eine heilige Nation« zu sein. Und während der Zeit, wo es »nicht Mein Volk« ist, bildet ein Überrest die heilige Nation (2. Mose 19,5; 3.Mose 20,26; Hos.1,10ff; 1.Pet. 2,9-12; Ma. 21,43).

Der Erdboden rings um den brennenden Busch und um den Berg Sinai wurde durch die Gegenwart Gottes geheiligt (2. Mose 3,5; 19,23). Die Stiftshütte und all ihr Gerät war ein Heiligtum, mit den inneren Räumen, den »Heiligen der Heiligen«. Auch der Altar war ein Heiliges der Heiligen und alles, was mit ihm in Berührung kam (2. Mose 25,8; 29,37; 2.Mose 30,29; 3. Mose 6,18; Ma. 23,16-22). Diese Dinge besaßen keine sittlichen Eigenschaften; sie waren heilig, weil sie Gott geweiht waren.

In der Schrift bedeutet das Verb »heiligen« also, eine Person oder Sache Gott zu weihen, und die Folge eines solchen Aktes ist die Heiligkeit, ohne dass man dabei an irgendeine sittliche Eigenschaft zu denken hat.

Die Bibel beschreibt Gegenstände als »heilig«, die überhaupt keine sittlichen Eigenschaften haben können, ja sogar unmoralische und ungläubige Menschen sind Gott geheiligt worden. Heiligen bedeutet nicht, von Sünde zu reinigen, sondern jemanden oder etwas Gott darzubringen.

Heiligkeit ist also keine Eigenschaft sondern eine Beziehung zu Gott!

Durch falschen Gebrauch des Begriffs Heiligkeit in unserer Umwelt und Gewöhnung daran sträuben wir uns zu sagen, dass wir „Heilige“ sind. Wir wollen damit sagen, dass wir uns in aller Demut nicht anmaßen wollen, vollkommen zu sein. Wir sagen „Ich bin kein Heiliger“. Gott aber sagt das Gegenteil! Vor Gott ist jeder Gläubige ein »Heiliger«.

Allein im Römerbrief werden die Gläubigen achtmal so bezeichnet (Röm.1,7; 8,27; 12,13; Röm. 15,25 ff; Röm. 16,2; 16,15). Und zwar werden alle so benannt, ganz ohne Rücksicht auf den Grad ihres Glaubens oder ihrer Würdigkeit.

Heiligkeit bei einem Menschen ist eine Beziehung zu Gott und nicht eine moralische oder geistliche Errungenschaft. Ein heiliger Mensch ist ein für Gott abgesonderter. Und da in der Praxis alles, was Gott zu Seinem Gebrauch geweiht ist, sei es nun für rituelle Handlungen oder in gewöhnlicher Weise, dadurch von selbst vom Ungöttlichen gelöst und getrennt wird, so ergibt sich aus der Heiligkeit oft auch eine Scheidung von Sünde.

Darum hat das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch den Sinn von Sündlosigkeit angenommen. Aber:

Ursache und Wirkung wurden dabei aber miteinander verwechselt.

Heiligkeit kommt bei Gegenständen zustande, ohne dass irgendeine Veränderung in dem geheiligten Objekt stattfindet.

Wenn aber wir Menschen, die durch Gottes Auswahl geheiligt wurden, sich Gott auch zu Seinem ausschließlichen Gebrauch darbringen, sich also Gott hingeben, sollte dies natürlich Folgen haben. Wenn das zunächst einseitige Handeln ein beidseitiges wird, dann erst wird Heiligung öffentlich und erkennbar.

Christus, unser Vorbild in der Heiligung

Das vollkommenste Beispiel und Vorbild von Heiligkeit haben wir in Jesus Christus, der der Heilige Gottes ist (Mk 1,23-25). Der Vater heiligte Ihn und Er heiligte Sich zur Durchführung Seiner Aufgabe. In Seinem Fall hatte dies freilich nichts mit Reinigung von Sünde zu tun, denn er war ohne Sünde. Er wurde in der Gestalt Gottes von Seinem Vater geheiligt und in die Welt gesandt (Joh.10,36). Vor Seiner Geburt kündete schon Gabriel die Zeugung von etwas Heiligem an. Er unterschied Er Sich von allen anderen Menschen als Gottes Sohn durch einen Geist der Heiligkeit, einen Geist völliger und rückhaltloser Hingabe an Gott. Deshalb sagte Er: »Ich heilige Mich Selbst für sie, auf dass auch sie geheiligt seien in Wahrheit« (Joh.17,19). In Seiner täglichen Hingabe an Gott heiligte Er Sich Selbst, ohne sich dabei von Sünde zu reinigen, weil er das ja nicht nötig hatte. Seine Heiligung ist die Quelle unserer Heiligkeit.

Da Er der Heilige Gottes ist, können wir erwarten, in Ihm den zu finden, der in einem besonderen Verhältnis zu Gott als Sein Eigentum steht und nur dafür lebt, Seinen Willen zu tun. »Christus ist Gottes«, »das Haupt des Christus ist Gott« (1.Kor.3,23; 11,3) und »Meine Speise ist die, den Willen dessen zu tun, der Mich sendet und Sein Werk zu vollenden« (Joh.4,34). Nur ein Leben in Fleisch und Blut wurde ausschließlich für Gott gelebt, das von Jesus Christus. Er ist das eine vollkommene Beispiel ausgelebter Heiligkeit.

Der Satz »sich von der Sünde heiligen«, den man manchmal hören kann, kommt nicht in der Bibel vor. Wenn Heiligung vor allem Reinigung von Sünde bedeutete, wäre es unmöglich, leblose Gegenstände zu heiligen, oder zu verstehen, wieso unbekehrte Männer und Frauen durch gläubige Ehegatten und Kinder durch ihre Eltern geheiligt sein können (1. Kor. 7,14). Was bedeutet das? Dies sind direkte biblische Beispiele einer Heiligkeit ohne überhaupt gläubig zu sein. So weit wie es sich um die Ehe handelt, umfasst die Heiligung des einen Teils die des anderen, da Mann und Weib ein Fleisch sind. Der gläubige Teil soll den ungläubigen als etwas Gott Geheiligtes ansehen und behandeln, sonst wäre ja sein Leben zerrissen und von sich widersprechenden Verpflichtungen erfüllt. Eine solche Zerrissenheit aber wäre dem Wesen der Heiligkeit entgegen; denn was dem Herrn gehört, gehört Ihm ganz.

Heiligung ist nicht Reinigung von Sünde – diese folgt auf die Heiligung

Heiligkeit wird von den anderen Eigenschaften unterschieden, die Heilige besitzen. Jesus Christus ist »der Heilige und Gerechte« (Ap.3,14), »der Heilige und Wahrhaftige« (Off. 6,10); wir sollen »Heilige und Makellose« sein (Eph.1,4; 5,27); das Räucherwerk war »rein und heilig« (2.Mose 30,35). Also können Heilige außerdem noch gerecht und wahrhaftig, makellos und lauter sein. Diese Eigenschaften machen nicht die Heiligkeit aus, sondern sind meist ihre Begleiterscheinungen. Man kann heilige Stätten verunreinigen und sie bleiben trotzdem heilig. Während Gott sagt: »Ich werde unter ihnen entheiligt.«, bleibt Er der Heilige Israels. Das eigentliche Gegenteil von heilig ist profan, also weltlich und nicht etwa sündig (pro fanum = vor dem heiligen Ort). Alles ist profan, was nicht Gott geheiligt worden ist, Menschen, Orte oder Dinge. »Sie sollen Mein Volk den Unterschied lehren zwischen Heiligem und Unheiligem, zwischen dem Reinen und dem Unreinen« (Hes.22,26; 42,20; 44,23; 48,14; 3.Mose 10,10; 1.Sam.21,5).

Heiligkeit ist also nicht Reinheit, Gerechtigkeit oder Vollkommenheit. Was Gott auf Seinen Anspruch hin gegeben wird, ist heilig. Obwohl eine solche Hingabe an Gott im Idealfall zur Scheidung von Sünde führt, so sollte doch nicht die Ursache mit der Wirkung verwechselt werden. Heiligung hat immer zunehmende Reinheit, Makellosigkeit und Trennung von allem Unheiligem zur Folge.

Die Heiligkeit Gottes

Wenn man nun Heiligkeit definieren würde als „für Gott abgesondert“, was bedeutet es dann, wenn es heißt, dass Gott selbst heilig ist?

Dazu kann man hören, das bezeichnet »Seine, Sich Selber bestätigende Sündlosigkeit«; »der Inbegriff der göttlichen Vollkommenheit«; »Gottes Liebe zu Sich Selbst«; »das in Gott, was Sünde nicht ertragen kann« usw. Wenn wir fragen, was Seine Gerechtigkeit oder Seine Liebe bedeuten, gibt es weniger Meinungsverschiedenheiten. Diese sind in Gott und im Menschen nicht etwas völlig Verschiedenes. Und wenn Gottes Heiligkeit Seine Sündlosigkeit und Vollkommenheit, Seine Selbstliebe oder Seinen Sündenhass bedeutete, so müsste dies auch im Menschen so sein.

Aber das ist, wie wir sahen, nicht der Fall. Wenn Gott sagt: »Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig«, so meint Er, dass Heiligkeit in uns etwas Gleichartigem in Ihm entsprechen soll. Wenn Er gemeint hätte: »Ihr sollt vollkommen sündlos und makellos sein, weil Ich es bin«, dann dürfte Er niemanden in diesem Leben einen Heiligen nennen.

Schauen wir zur Klärung nochmal auf sein Volk, Israel:

Gott hat Israel durch Anschauungsunterricht und bedeutungsvolles Ritual erzogen. Bevor Er zu dem Volk sprach: »Ich bin heilig«, lehrte Er sie die Bedeutung dieser Tatsache. Er führte ihnen viele Dinge vor Augen, nannte diese »heilig« und erklärte, dies sei so, weil sie Ihm gehörten. Wenn deshalb eine Person, ein Gegenstand oder ein Tag »heilig« hießen, so wusste Israel, dass Gott dieses alles als Sein Eigentum ansah. Ja, es wusste auch, dass es selbst zu einem heiligen Volk bestimmt war, das Gott Sich aus allen anderen Völkern erwählt hatte. Es wusste, dass es Gottes Besitzanspruch war, der die Erstgeburt, die geweihten Stätten und den Sabbat heiligte. Die Stiftshütte, der Priesterstamm und die Opfer gehörten Gott, weil Er sie für Sich geheiligt hatte. Was bedeutete es nun aber, wenn Gott sprach: »Ich bin heilig«? Mussten die Israeliten nicht annehmen, Gott sei heilig, weil Er der Gott des Volkes war, ebenso wie sie selbst? Wenn Heiligkeit mehr eine Beziehung als eine Eigenschaft ausdrückt, mag da nicht die Heiligkeit Gottes Seine Beziehung zu Seinen Geschöpfen sein?

Die erste Ankündigung der Heiligkeit Gottes haben wir in 3.Mose 11,44. Sie ist sehr erleuchtend. »Denn Ich bin Jehova, euer Gott, heiliget euch deshalb und seid heilig; denn Ich bin heilig.«

Drei Punkte finden wir hier, so wie an allen anderen Stellen, an denen Gott sagt, Er sei heilig. Zuerst nennt Er Sich »Jehova«, dann »euren Gott« und dann wird Seine Heiligkeit als die Ursache genannt, weshalb Israel heilig sein soll. Man beachte das »deshalb« und das »denn«, hier wie anderswo, und wie das »Ich bin Jehova, euer Gott«, dem Wort »denn Ich bin heilig« entspricht, ebenso wie das Gebot »heiliget euch« dem »seid heilig«. Gott ist der Heilige Israels, weil Er Israels Gott ist. Weiterhin ist Er Jehova, der Name, der von Seinem besonderen Verhältnis zu Seinem erwählten Volk zeugt. Israel spricht von »meinem Gott« oder »unserem Gott«, aber nie von »meinem Jehova«. Denn der Name an sich redet schon von der Bundes-Beziehung. Als Gott Israel erlöste und für Sich heiligte, machte Er ihm Seinen Namen Jehova bekannt. Er sprach: »Ich erschien dem Abraham und dem Isaak und dem Jakob als El Shaddai, aber bei Meinem Namen Jehova haben sie Mich nicht gekannt.« Sie gebrauchten wohl den Namen, aber Gott hatte noch nicht jene Erlösung des Volkes bewirkt, durch die Er die Bedeutung desselben offenbarte. »Ich werde euch erlösen … und Ich werde euch Mir zu einem Volke nehmen und Ich werde euch zu einem Gott sein; und ihr werdet erkennen, dass Ich Jehova bin, euer Gott« (2.Mose 6,2). »Ich bin Jehova, euer Gott, der euch heraufgeführt hat aus dem Lande Ägypten, um euer Gott zu sein; ihr sollt deshalb heilig sein, denn Ich bin heilig« (3.Mose 11,45). Man beachte wieder, wie des Volkes Heiligkeit der Heiligkeit Gottes entsprechen soll und wie Zweck und Ziel der Erlösung darin besteht, dass Er ihr Gott wird. Ist es nicht auffallend, dass jede einzige Erwähnung der Heiligkeit Gottes mit der Versicherung verknüpft ist, Er sei Jehova, ihr Gott? (3.Mose 19,2; 20,24; 21,6; 22,32). Jehova war der Heilige Israels, aber nicht der Heilige eines anderen Volkes.

Gott war also der Heilige nur seines Volkes

Gott nannte Sich den Gott Israels in einem Sinn, in welchem Er nie der Gott eines anderen Volkes werden konnte oder werden wird. Wenn Er für Israel stritt, lernten seine Feinde an der Kraft der kleinen schwachen Heerhäuflein, was es heißt, die Heerscharen Jehovas gegen sich zu haben. Pharao sprach: »Ich kenne Jehova nicht« (2.Mose 5,2), und er konnte Ihn auch nur als seinen Feind kennenlernen. Als Israel seine Berufung und die Niederlage Pharaos feierte, sang es das Lob Jehovas, der so herrlich triumphiert hatte. Da hieß es: »Wer ist Dir gleich, o Jehova, unter den Göttern? Wer ist wie Du, herrlich in Heiligkeit ?« (2.Mose 15,11). Der ganze Gesang erhebt den Herrn als Israels Gott und als einen »Kriegsmann«, der Wunder für Sein Volk tut. Aber noch mehr als das. Indem sich Gottes Heiligkeit kundtut, wird Er unter den Nationen verherrlicht. »Die Völker hören es und zittern« (Ps.99,1).

Von dieser ersten nationalen Errettung des Volkes wenden wir uns zu der letzten, wenn Jehova Israel von der Macht Gogs befreien und es heißen wird: »Ich erweise Mich groß und heilig und tue Mich kund vor den Augen vieler Völker, und sie werden erkennen, dass Ich Jehova bin« (Hes.38,23; 39,21). Dann wird der ganze Erdkreis sehen, dass Gott ein heiliger Gott ist.

Nur zu oft und furchtbar hat Israel Jehova und Seinen Namen entheiligt. Kein anderes Volk konnte in gleicher Weise schuldig werden.

Die Ehe ist ein weiteres Symbol und Abbild der Heiligkeit. Wie sich zwei Ehegatten füreinander heiligen oder absondern, hatte Gott es mit Israel getan. Untreue innerhalb des ehelichen Bundes ist Unheiligkeit. Jede Untreue des Volkes gegen Jehova, jede Hinkehr zu anderen Göttern war eine Schuld, wie sie kein anderes Volk in diesem Sinn auf sich laden konnte und wie sie in keinem anderen Volk geahndet und gerächt worden ist. Weil Gott der Heilige Israels ist, wurde auch durch Israel vor allen anderen Völkern Sein Name entheiligt. Nur Israel konnte Gott zur Eifersucht reizen. Nur diesem Volk galt Sein Wort: »Ich Jehova, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott« (2.Mose 20,1-5; Jos.24,19). Nur wo ein Liebesbund besteht, ist Eifersucht berechtigt.

Gott hatte Israel aus allen Völkern erwählt, nicht um seiner selbst willen, sondern um der anderen willen. »In deinem Samen sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden« (1.Mose 22,18; Ap.3,25). Israels Berufung und Bestimmung war die zu einer doppelten Rolle, wie sie sonst niemandem mehr bestimmt sein kann. Dieses Volk sollte nicht nur der Erzeuger, sondern auch der Mörder des Messias werden. Der Segen für die ganze Welt kommt durch den Tod des Sohnes Gottes. Das Volk, das Ihm am nächsten stand, musste das furchtbarste Verbrechen an Ihm verüben; die, mit denen Er Sich am innigsten verbunden hatte, Ihn am tiefsten kränken. Die zum Segen Berufenen mussten zum Fluch werden. Nur dieses eine Volk wird auf der ganzen Welt verachtet; dieses Volk, zu dessen Stammvater Gott doch die Worte sprach: »Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« (1.Mose 12,2). Gott malt hier vor einen schwarzen Hintergrund mit dem hellen Licht Seiner Heiligkeit. Denen, die die schändlichste Tat an Ihm tun, hält Er die Treue, die, welche am tiefsten fallen, wird Er so aufrichten, dass alle Welt es sehen wird. Gott ist es, der dies tut, »nicht um euretwillen, ihr vom Hause Israel, sondern um Meinetwillen« (Hes.36,22). Wir Menschen meinen nur zu leicht, Gott müsste den Segen durch das denkbar edelste, reinste und treueste Volk vermitteln. Aber Gottes Weise ist es, den Segen nicht an Verdienst zu verknüpfen, damit Ihm allein die Ehre bleibt und niemand mehr auf Menschen schaue.

Jesus lehrte Seine Jünger das Gebet: »Geheiligt werde Dein Name. Dein Königreich komme« (Mt.6,9; Lk.11,2). Beides betraf Israel, und beides ist unzertrennlich. Nur als Gottes Volk kann Israel heilig sein. Gott ist heilig. Was Er verheißen hat, wird Er erfüllen, den gebrochenen Bund wird Er nach Gericht und Fluch wieder erneuern. Dann wird alles Fleisch Seine Heiligkeit mit Augen sehen und Ihm die Ehre geben.

„Geheiligt werde Dein Name“ betont die Andersartigkeit Gottes. Gott muss geheiligt werden, weil er so sehr über den Jüngern steht. Heiligung hat auch immer mit Distanz zu tun. Von Gott zu uns Menschen, von Israel zum Rest der Welt.

Gott ist also heilig, weil er so anders ist als die Menschen. Deswegen muss Sein Volk anders sein als die anderen Völker. Andernfalls würde seine eigene Heiligkeit in Frage gestellt werden können. Die Heiligkeit bedingt sich also.

Die Heiligung Gottes im Neuen Testament

Christus heißt »der Heilige Gottes«, weil alles, was Er ist und tut für Gott geschieht. Gott ist Sein »heiliger Vater«, um der besonderen Beziehung willen, die zwischen beiden besteht. Er ist der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, und Gott erwies Sich als Sein Vater, indem Er Ihn »in Kraft als Sohn Gottes bezeichnete, dem Geiste der Heiligkeit nach, durch Auferstehung Toter« (Röm.1,4), durch dessen Auferstehung der Vater wiederum offenbarte, dass Er herrlich in Heiligkeit sei. Wenn Christus zu Seinem heiligen Vater betete, so war dies um die Bewahrung eines Volkes, das Gott Seinem Sohn gab, und das der Sohn bewahrt hatte, solange Er in der Welt war, Sich Selber heiligend, »auf dass auch sie geheiligt seien« (Joh.17,11).

Noch an drei anderen Stellen wird im Neuen Testament die Heiligkeit Gottes erwähnt: Heb. 12,10, 1.Petrus 1,15, wo der Apostel aus dem dritten Buch Mose zitiert (3.Mose 19,2), und Offenbarung 4,8, wo die Ausdrucksweise des Jesaia (Jes.6,3) angeführt und angenommen wird. »Heilig, heilig, heilig«, bedeutet an beiden Stellen: »Ich, Jehova, verändere Mich nicht, deshalb werdet ihr Söhne Jakobs auch nicht verzehrt werden.« Trotz Israels Unheiligkeit bleibt Gott natürlich heilig, und Er wird den ganzen Erdball mit der Herrlichkeit Seiner Heiligkeit erfüllen, indem Er Seine Bundesversprechen hält, für die Sein Name Jehova bürgt. Jehova ist Israels kommender und Israels heiliger Gott (Off.6,10).

Die Heiligung Gottes bei Paulus

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass der Apostel Paulus, der Apostel der Nationen wohl viel von der Heiligkeit der Gläubigen redet, aber nicht einmal Gott als heilig oder als Jehova bezeichnet. Der Körper Christi ist die herausgerufene Gemeinde Gottes, weil Gott sie geheiligt hat, aber die Beziehung Gottes zu Seiner Gemeine wird weder »Heiligkeit« genannt, noch durch den Namen »Jehova« charakterisiert. Obgleich Er eine Gemeinde hat, ist Er doch ausschließlich der Heilige Israels und hat Sich als Jehova nur diesem Volk verpflichtet. Die Frage ist nun, was Er denn für den Körper Christi ist. Die Antwort lautet: Mit allen, die in Christus sind, ist Er in derselben Weise verbunden, wie mit Seinem Sohn, unserem Haupt, nämlich als Gott und als Vater. Diese Namen drücken die ganze Hingabe und innige Vereinigung aus, die Seine Heiligkeit für Israel bedeutete und noch viel mehr. »Der Heilige Israels« und »Jehova« sind exklusive Titel, die von einer Beziehung reden, die nie allgemein werden kann. Wenn Gott einst von allen erkannt wird, dann wird Er es als der Vater sein. Wenn Jesus vom ganzen Weltall als Herr gehuldigt wird, wird dies zur Ehre Gottes des Vaters sein, und bei der Vollendung wird der Sohn das Reich Gott übergeben, als dem Vater (Phil.2,11; 1.Kor.15,24).

Es war nicht Gott als der Heilige Israels, der die Welt mit Sich versöhnte; denn diese Versöhnung ist unvereinbar mit Israels Vorrechten. So konnte sie auch erst nach Israels Verwerfung verkündigt werden. Wenn Gott Sich aufs Neue Israel zuwenden wird und Seine Heiligkeit hell erstrahlen lässt, dann ist auch der heutige Haushalt der Gnade und Versöhnung abgelaufen und die Gerichte brechen über die Welt herein. Dann werden alle Israel gegebenen Verheißungen erfüllt. Dann wird auch Israel Gott als Vater erkennen. Jesus Christus lehrte Seine Jünger, dass sie Gottes Kinder seien und Er ihr Vater, aber nie finden wir in ihren Reden oder Briefen den Ausdruck »Gott unser Vater«. Paulus allein redet so, und zwar in allen seinen dreizehn Briefen, mit der Ausnahme des Galaterbriefes. Auch Paulus allein behauptet, dass die in Christus Jesus jetzt schon Söhne seien. Die Vorbedingung der Sohnesstellung ist Befreiung vom Gesetz (Gal.4,6). Nicht alle, die Gottes Kinder sind, werden schon Söhne genannt. Aber jeder Sohn ist auch ein Kind.

Es ist ebenfalls höchst bemerkenswert, dass in den Briefen von Paulus die öffentliche und offizielle Heiligkeit, die sich vor allem in den geweihten Stätten und dem Priestertum verkörperte, fast unbekannt ist. Heute wird Gott nicht öffentlich und offiziell geheiligt, wie es durch das von Ihm Selber bestimmte und vorgeschriebene Gebäude und Amt in Israel geschah und wie es im Millennium (1000-jährigen Reich) wieder geschehen wird.

Heute hat Er Seine Wohnung in den Herzen der Gläubigen aufgeschlagen, und die Heiligung geschieht durch Seinen Geist, nicht durch die äußerliche Priesterweihe. So finden wir auch bei Paulus in erster Linie den Gedanken der Folgen der Heiligkeit, die sich daraus ergibt, dass Christus in uns wohnt, der der einzige vollkommene Geheiligte ist. 

Unsere Heiligkeit: Hingabe an Gott

Heiliges ist also vor allem andersartig, vom Status des Allgemeinen ist Heiliges in den Status des Besonderen gestellt worden, nämlich auf die Seite Gottes. Handelnd war hier Gott, griechisch theos, der Platzierer.

Gott hat nicht zu Israel eine liebevolle Vater-Sohn Beziehung, sondern zur Ekklesia, zu uns! Deshalb betont Paulus nicht, dass Er für uns heilig ist. Gott hat zu uns nicht mehr diese Distanz, denn er ist unser Vater!

Heilig zu sein, heißt nicht in erster Linie vollkommen zu sein, sondern sich abzusondern von der Welt.

Heiligung macht uns zu Gottes Eigentum und Ihn zum einzigen Gegenstand unserer Treue und Hingabe, tatsächlich überliefert sie uns voll und ganz in Seine Hand. Sie ist nicht nur ein Gehorsam gegen ein Verbot: »Du sollst nicht«, auch kein bloßes Aufhören vom Sündigen. Überwundene Sünde, ja sogar ausgerottete Sünde, wie es sie zukünftig geben wird, sind an sich noch nicht Heiligung. Gott fordert jetzt von uns unsere völlige Hingabe an Ihn, obwohl noch Sünde in uns ist; denn wir können Ihm ganz geheiligt sein, obwohl wir noch sündigen.

Ein geheiligter Verstand ist offen für göttliche Dinge und kein verworrener Wahrheitssucher; denn er beschäftigt sich mit dem, der Selbst die Wahrheit ist. Und wer die Wahrheit liebt, der wird vor vielen Verirrungen bewahrt.

Wenn Gott diese unsere wunderbare Gabe der Vorstellungskraft beherrscht, werden keine abschreckenden bösen Bilder die Wände unserer Gedankenwelt verunstalten.

Die Mahnung, uns selber Gott zu geben, fordert ein großes Glaubenswagnis, ein Wagnis, das kein Zweifler unternimmt, welches aber, wenn einmal gewagt, Gott unsere eine große Wirklichkeit werden lässt. Wir tauschen unser Alles für Sein Alles ein. Wir übergeben uns Ihm in größtem Vertrauen, erwarten alles Gute von Ihm, wissen, dass nur das gut ist, was Er gibt, und das schädlich, was Er verwehrt. Eine solche Hingabe bezeugt nicht nur einen echten Glauben, sie bestätigt auch den Glauben, der es wagte, die Gerechtigkeit Gottes und die anderen, noch nicht erlebten Tatsachen der Offenbarung Gottes anzunehmen. Sie bringt ihn zur höchsten Entfaltung und erwirbt sich die Bestätigung der Erfahrung. Denn indem diese Hingabe uns völlig in Gottes Hände legt, setzt sie Gott an die Stelle, wo bisher die Sünde saß, in unsere Fähigkeiten, die Er nun beherrscht, und in unsere Arbeit. Sie verleiht die unerschütterliche Gewissheit, sicher in Seiner Obhut zu sein und für Seine Zwecke gebraucht zu werden, wenn Er uns ohne Vorbehalt besitzen darf.

Heiligkeit hat nur einen Zweck und ein Ziel, sonst ist sie überhaupt keine Heiligkeit: Gott ist ihr einziger und alleiniger Gegenstand; deshalb schließt sie alles Selbstsüchtige in uns aus. Durch nichts wird Hingabe an Gott so sehr gehemmt wie durch das Eindringen der Eigenliebe.

Christus schlug kein Kapital aus Seiner Heiligkeit. Nein, es war Seine Heiligkeit, die Ihn zur völligen Selbsthingabe und ans Kreuz führte. Ein wahrer Heiliger ist Gott so völlig hingegeben und so auf Seine Ehre bedacht, dass ihm auch nicht das Geringste daran liegt, unter Seinen Mitbrüdern als heilig zu gelten. Demut ist der herausragende Zug der Heiligkeit, aber jedes Selbstbewusstsein auf diesem Gebiet drängt Gott in den Hintergrund. Heiligkeit ist keine Tugend für sich, die man entwickeln kann, weil sie nur als Darbringung an Gott existiert. Sie ist eine persönliche Beziehung zu Ihm und nicht eine sittliche oder geistliche Errungenschaft. Hingabe an eine Sache, eine Bewegung, ein Werk oder eine Gemeinschaft ist nicht Heiligkeit. Im Gegenteil, wenn solche Dinge die Stelle Gottes einnehmen, ist jede Heiligkeit unmöglich.

Hingabe an Gott ist das Geheimnis der Heiligung

Es ist schön und gut, »vor allem auf die Makellosigkeit des eigenen Charakters bedacht zu sein«. Aber eine ganze Welt trennt zwischen diesem Bestreben und Heiligkeit, die vor allem auf Gottes Herrlichkeit bedacht ist. Die Moral und Ethik der zivilisierten Menschheit machen Anständigkeit in Leben und Wandel sowohl wichtig als auch empfehlenswert. Aber man kann viel Moral haben und dabei Gott kaum kennen. Heiligkeit jedoch hat es mit Gott zu tun und ist dem Geist unserer gottlosen Zeit entgegen. Sie macht uns »exzentrisch«, weil sie das Zentrum unseres Lebens verlegt, aus uns selbst heraus, hinein in Gott. Wer unseren Blicken folgt, sollte zu Gott aufschauen.

Heiligkeit des Lebens zeugt also von dem unsichtbaren Gott.

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