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Lückentheorie

Die Lückentheorie (engl. gap theory, gap creationism) behauptet, dass zwischen 1.Mose 1,1 und 1.Mose 1,2 eine zeitliche Lücke zu sehen ist, die mit dem „Tohu wa bohu“ endet. Tohu wa bohu wird dabei als Gericht in Form einer Flut betrachtet, die über eine Vorschöpfung ergangen ist. Wann und warum ist diese Theorie entstanden und was ist theologisch davon zu halten?

Thomas Chalmers (1780-1847), ein schottischer Theologe und erster Moderator in der Free Church of Scotland, ist wohl der erste Vertreter der Lückentheorie. Seine Vorstellungen wurden 1814 an der Edingburgh University aufgezeichnet. Bis zu diesem Zeitpunkt war diese Interpretation völlig unbekannt. Wie kam es dazu? 1795 hat James Hutton (1726-1797) die wissenschaftliche Sicht des Uniformalismus formuliert, die besagt, dass die Gegenwart der Schlüssel für die Vergangenheit ist (z.B. bezüglich Klima und Gesteinsbildung). Charles Lyell (1797-1875) nahm diesen Gedanken auf und entwickelte die These, dass die Erde Millionen von Jahren alt sein müsse und sich langsam und stetig bis zur heutigen Form entwickelt habe.

Kurz nach der Publikation entsprechender Werke fühlten sich Christen unter Druck gesetzt, da sie die Bibel bislang so interpretierten, dass die Erde nur wenige tausend Jahre alt sei (sog. Junge Erde Kreationismus). Chalmers, wie auch andere, suchten daher nach Wegen, um die Bibel wieder nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten akzeptabel werden zu lassen. So entwickelte sich die Lückentheorie [DB, S.58-74]. Denn in der Lücke könnte eine beliebige Zeitspanne gedacht werden und Kohleentstehung, geologische Verwerfungen, Fossilien, Dinosauerier und sogar die Entstehung des Bösen scheinbar bequem zugeordnet werden.

Zusätzlichen Aufschwung bekam die Lückentheorie durch C.I. Scofield, der in der kommentierten Scofield Bibel 1909 diese These stützte. In dem gleichen Zeitraum wurde auch „Dispensational Truth“ von Clarence Larkin veröffentlicht, der eine chaotische Erde zwischen 1. Mose 1,1 und 1.Mose 1,2 gelehrt hat. Diese Gedanken wurden auch von J.N. Darby (1800-1886) und daraufhin auch von A.E. Knoch (1874-1965) übernommen. Seitdem hat sich die Lückentheorie weit verbreitet, u.a. durch Billy Graham und John Hagee. Sicherlich wurde diese Interpretation mit lauteren Motiven entwickelt, dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob sie mit der Bibel wirklich vereinbar ist.

Verwendete Schriftstellen

Die Lückentheorie stützt sich im Wesentlichen auf folgende Bibelstellen:

  • 1.Mose 1,2 Die meisten Übersetzungen übersetzen das hebräische „Hajah“ bzw. „hahyah„, das zwischen „Erde“ und „tohu wa bohu“ steht mit „war“. Eine mögliche Übersetzungsvariante ist aber auch „werden“ im Sinne eines prozesshaften Geschehens.  Mit dieser Überlegung wird nun die Aussage verknüpft, dass die Erde vorher nicht „tohu wa bohu“ war, sondern durch ein Gericht Gottes dazu erst wurde. Vorher soll sie also prächtig gewesen sein und Bewohner gehabt haben. Diese Folgerung wirkt allerdings gewollt und künstlich, denn sie drängt sich niemandem auf, der den Text unvoreingenommen liest und auch sonst in der Bibel gibt es dazu keinerlei Hinweise (s.u.). Nirgendwo steht in der Bibel etwas über die Bewohner, die Ursache des Gerichts oder über das Gericht an sich.
    Richard Wiskin [RW, S.20] meint zudem, dass auch der grammatikalische Kontext hier eindeutig auf die Variante „war“ hindeutet. „Im Anfang schuf Elohim die Himmel und Erde“ ist ein Verbalsatzteil („schuf“ ist ein Verb, das eine Tätigkeit beschreibt). „Die Erde war tohu wa bohu“ ist aber ein Nominalsatzteil („war“ ist ein beschreibendes Verb). Werden im Hebräischen ein Verbalsatzteil und ein Nominalsatzteil mit „und“ verknüpft, wie in diesem Fall, beschreibt der Nominalsatzteil einen Zustand, der der Haupttätigkeit zeitgleich ist. Das bedeutet in diesem Kontext, dass der Zustand „tohu wa bohu“ die Erde zum Zeitpunkt der Erschaffung beschreibt. Es war so, es ist nicht so geworden.
  • Jesaja 45,18 wird so interpretiert, dass Gott die Erde nicht als tohu geschaffen haben kann, sondern in anderer Form (und zwar in einem Nu in einem herrlichen Zustand). Liest man aber genauer, sieht man, dass hier gar keine Aussage über den Ursprung getroffen wird, sondern über das Ziel Gottes mit dieser Schöpfung: Sie sollte also nicht in diesem seelenlosen Ausgangszustand bleiben, sondern bewohnbar werden. Streitpunkt war in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung von „Tohu wa bohu„, das von Vertretern der Lückentheorie ausschließlich als Chaos, also als Ergebnis einer Katastrophe interpretiert wird (denn ein tohu wollte Gott nach Jes. 45,18 nicht schaffen). Durch den Vergleich aller Vorkommen kann aber erkannt werden, dass damit geistige und geistliche Ödnis, oft verbunden mit materieller Leere, bezeichnet wird. In 1. Mose 1 ist dies ein notwendiger Übergangszustand, geprägt aber durch eine seelenlose, finstere Leere. Aber es ging ja weiter: Während alle anderen Sterne und Planeten, bei denen wir genau den gleichen Geburtsprozess auch beobachten können, in diesem Zustand des Seelenlosen und Unbelebten stehen bleiben, wurde nur die Erde mit dem Ziel der Bewohnbarkeit geschaffen.
  • Psalm 33,9 „Er (Jewe) sprach, und es geschah, Er gebot, und es stand da“. Eine allgemeine Aussage, die die Allmacht Gottes betont, wird verwendet, um zu zeigen, dass auch die (Vor-)Schöpfung nur so denkbar ist und alles in einem nu da gewesen sein muss. In der Schöpfungsgeschichte in 1.Mose lesen wir aber von einer schrittweisen Entwicklung in zumindest sechs Tagen. Pflanzen beispielsweise wuchsen langsam aus der Erde heraus und waren nicht etwa gleich ausgewachsen da (Vers 12). Wichtig ist außerdem, den Unterschied zwischen „bara“ (Schaffen aus dem Nichts bzw. Geist, V.1) und „asah“ (Zubereiten, Machen, Verändern, Entwickeln; wie z.B. in V. 16) zu beachten. Gott schuf nur vier Mal neu: die Himmel und die Erde (V.1), Wassertiere und Vögel (V.21) und Menschen (V.27) – ansonsten veränderte bzw. entwickelte Er schon Bestehendes. Man kann also durchaus von einem evolutionären Prozess reden, in dem Gott Schritt für Schritt eine bewohnbare Erde schuf (s.o.). Also ist Psalm 33,9 so zu lesen: Gott sprach und es geschah dann auch so (aber nicht unbedingt sofort).
  • Hiob 38,7 (Jubel der Söhne Gottes) wird so interpretiert, dass Jubel durch die angenommene Perfektion der „Urschöpfung“ ausgelöst wurde. Beschrieben ist dort aber die Planungs- und Entstehungsphase (Wo warst du, als ich die Erde gründete? Wer hat die Maße bestimmt? Verwandlung der Erde wie Siegelton). Hier geht es keinesfalls um den Zustand einer gedachten Urschöpfung, über die sich die Bibel sowieso völlig ausschweigt. Offensichtlich wurde der Jubel also ausgelöst, weil jene von der Bedeutung dieses Beginns wussten. Sie jubelten also, weil sie wussten, dass hier die Wohnstätte von weiteren Geschöpfen entsteht (Jes. 45,18), die allesamt Gott einmal verherrlichen werden. Auch die Boten bei der Geburt Jesu jubelten in Lukas 2,13 , weil sie, ohne es sehen zu können, wussten, dass dieses Kind Jesus einmal die Menschheit erlösen wird.
  • 2. Petrus 3,5f : Vertreter der Lückentheorie meinen, dass 2. Petrus 3,5f nicht von der Flut Noahs sprechen, sondern von „Luzifers Flut“, die die gedachte Welt der Lücke untergehen lies. Dagegen ist zu sagen, dass ausdrücklich zwischen der Erde „aus und durch Flüssigem“ in Vers 5 und der Welt in Vers 6 unterschieden wird. Die bewohnte Welt ist umgekommen, nicht aber die unbewohnte Erde. Welt ist die Übersetzung des griechischen kosmos, was Geordnetes bedeutet, also leicht als die bewohnte Welt Noahs erkannt werden kann. Noch klarer wird dies in der ersten Erwähnung dieses Ereignisses bei Petrus, knapp ein Kapitel vorher, in 2.Petrus 2,5, die davon spricht, dass die Gesellschaft zu Noahs Zeiten mit der Sintflut untergegangen ist.
  • Heb. 4,3 Im Zusammenhang mit der Schöpfung wird im NT der Begriff „katabole“ verwendet (Heb. 4,3; Joh. 17,24, Eph. 1,4 usw.). Die wörtliche Übersetzung lautet aber nicht etwa „Grundlegung“, wie es meist übersetzt wird, sondern „Herabwurf“ oder „Niederwurf“ (Strong G2609 , bzw. G2596+G906), ein sehr dynamischer Vorgang (2. Kor. 4,9; Offb. 12,10), eine nach unten gerichtete Wurfbewegung. Somit sieht man hier eine Parallele zu der angenommenen Katastrophe des tohu wa bohu, die damalige Welt soll also niedergeworfen worden sein. Diese Vermutung ist aber sehr vage: Wer oder was hat zu einem Gericht über wen geführt? Darüber schweigt sich die Bibel völlig aus. Kann es aber sein, dass es sich nur aufgrund einer möglichen Wortbedeutung um eine dunkle Andeutung über ein Geschehnis handelt, über das uns die Bibel ansonsten völlig im Unklaren lässt? Der Begriff wird außerdem nie im Zusammenhang mit einem Gericht verwendet. Es gibt vielmehr Belegstellen, die klar dagegen sprechen: Erst ab dem Niederwurf begannen überhaupt Werke Gottes, also auch die sechsstufige Entwicklung unserer Erde (Heb. 4,3), was die Idee einer Schöpfung vorher widerlegt. Auch zum Zeitpunkt des Niederwurfs macht die Bibel andere Aussagen: 2. Tim. 1,9 beschreibt, dass die Gnade der Berufung (also die Auswahl) vor allen (äonischen) Zeiten gegeben wurde. Eph. 1,4 setzt diesen Zeitpunkt mit dem Niederwurf gleich – also geschah der Niederwurf vor allen Zeiten und nicht als Reaktion auf etwas. Kata Bole wird auch verwendet, um einen Geburtsvorgang zu beschreiben, im Sinne von Niederkunft, bzw. der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch den „nieder kommenden“ Samen, nämlich bei Sara (Heb. 11,11) – bildlich gesehen ist es also der Geburtsvorgang eines Planeten. Wörtlich kann „Herabwurf“ auch Materiekollision durch Gott beschreiben, die so etwas wie einen Urknall in Gang gesetzt hat.

Schwächen der Lückentheorie

  • Laut der Lückentheorie wurde die Erde sofort prächtig erschaffen, oft gar mit Bewohnern. Über diese Bewohner sagt die Bibel allerdings nichts. An Menschen wird meist nicht gedacht, sondern eher an Geistwesen. Fraglich ist dann aber, wie nichtkörperliche Wesen durch Wasser umkommen können.
  • Die Lückentheorie führt weiter aus, dass es einen Sündenfall gegeben haben muss, da es sonst nicht zu dem gedachten Gericht gekommen sein kann. Dagegen spricht, dass der erste in der Bibel beschriebene Sündenfall durch Adam und Eva geschehen ist.
  • Oft wird die erwiesen unbiblische Geschichte von Satan als gefallener Engel in diese Lücke gedacht und als Ursache für die angenommene Katastrophe gesehen.
  • Unsere Erde wäre der zweite Versuch, die Schöpfung in sechs Tagen in 1. Mose lediglich eine Wiederherstellung eines gescheiterten Versuchs. Daher wird die Lückentheorie auch Restitutionslehre (Wiederherstellungslehre) genannt. Ist es aber nicht unwahrscheinlich, dass eine ursprüngliche Schöpfung, die als Hauptgrundlage aller Geschöpfe und als eine Welt wunderbarster Schönheit ins Dasein gerufen wurde, mit einem einzigen, und dazu sehr kurzen Satz behandelt wird, wohingegen dann so viele (32) einem Werk gewidmet sein würden, das nur eine Wiederherstellung dieser ursprünglichen Schöpfung, also nicht die eigentliche Hauptsache gewesen wäre?
  • Die gesamte Heilsgeschichte ist die Beschreibung einer langsamen Entwicklung der Menschheit zu Gott hin, mittels schrittweisen Offenbarungen durch die Bibel und langen Lernwegen für jeden Menschen. Diesem Prinzip Gottes der Entwicklung widerspricht der Idee, dass schon am Anfang eine Vorschöpfung ob ihrer Schönheit Jubel ausgelöst hat.
  • Der unmittelbare Gesamteindruck des biblischen Berichts widerspricht der Lückentheorie. Vom Auftreten einer dämonischen Gegenmacht und der damit verbundenen Folgen ist im gesamten Schöpfungsbericht und auch sonst in der Bibel keine Rede. Eine Wiederherstellung nach einem angeblichen Gericht ist auch an keiner einzigen Stelle zweifelsfrei ausgesagt. Der Schöpfungsbericht macht stattdessen auf jeden unbefangenen Leser den Eindruck, dass er ganz einfach den geradlinigen Entwicklungsgang des Schöpfungswerkes und nichts anders berichten wolle. Die Lückentheorie verletzt damit eine wesentliche Auslegungsregel, sie widerspricht dem sensus plenior (der offensichtlichen Bedeutung des Textes) eklatant und stellt ein Hineingeheimnissen von erwünschten Ereignissen in Texten dar, die bei unvoreingenommenem Lesen anderes aussagen.
  • Das Ziel, mit dem die Lückentheorie entwickelt wurde, nämlich die Harmonisierung des biblischen Berichts mit der Theorie der alten Erde, wird nicht zufriedenstellend erreicht. Wie konnte aus dieser Urschöpfung eine so geordnete Ansammlung von Fossilien und Sedimenten als Beweismaterial für eine alte Erde erhalten bleiben, wenn es doch eine allumfassende Zerstörung gegeben haben soll? Es gibt nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen auch keine Hinweise auf eine derartige Katastrophe, mithin wird diese Theorie von den meisten Wissenschaftlern nicht akzeptiert. Die Lückentheorie erklärt also wissenschaftlich wenig, schafft aber viele schwerwiegende theologischen Probleme.

Referenzen:

[RW] Richard Wiskin: Die Bibel und das Alter der Erde, Hänssler, 1996

 

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